Inhalt 2018 


Krippenausstellung in Schloss Glatt 
Meister von Messkirch
Hauptversammlung 
Ausfahrt Justinus Kerner, Weinsberg
Rundgang durch das Dachau 
Besuch im Hauptstaatsarchiv Stuttgart
Comics gar nicht komisch

 

 
 

Krippenausstellung in Schloss Glatt

Die Gesellschaft für Heimat- und Kulturgeschichte hatte eingeladen, die Ausstellung "Weihnachtsbräuche und Weihnachtskunst im schwäbischen Raum - 500 Jahre Festkultur" im Kultur- und Museumszentrum Schloss Glatt zu besuchen und 31 Interessierte schlossen sich an.
Für Bernhard Rüth, Leiter des Stabsbereichs Archiv, Kultur, Tourismus des Landkreises Rottweil, dem Führer durch die Ausstellung, war es durch die oftmals kleinen Räume nicht leicht, alle ausgestellten Kostbarkeiten zu zeigen.
Der Referent stellte die Krippen in den historischen Zusammenhang und ging auf die Wurzeln der Krippenkultur, die Verehrung des Jesuskindes - vor allem in Frauenklöstern - ein. Ein Jesuskind, entstanden um 1490, des Memminger Bildhauers Ivo Strigel, das schon im Louvre ausgestellt war, ist dafür ein glänzendes Beispiel.
Maxi- und Minikrippen und ganze "Krippentheater" waren in dieser reich bestückten Ausstellung zu sehen. Viele Krippen stellen nicht nur die Geburt Jesu dar, sondern beginnen mit der Verkündigung an Maria und enden oft mit der Hochzeit zu Kanaa oder der Auferstehung. Diese "Simultankrippen" zeigen also gleichzeitig verschiedene Begebenheiten aus dem Leben Christi.
Wichtig war es für Bernhard Rüth herauszustellen, dass die Krippe bis in das beginnenden 20. Jahrhundert - zumindest im ländlichen Raum - nur in katholisch geprägten Gegenden heimisch war, der Weihnachtsbaum dagegen in Gebieten evangelischer Prägung. Die Darstellung der Geburt des Herrn in der Weihnachtskrippe widersprach der evangelischen Klarheit des Glaubens zutiefst. Dass die Krippenkultur zu manchen Zeiten, zum Beispiel unter Kaiser Joseph II., einem zwar katholischen aber streng rational denkenden Monarchen, auch in urkatholischen Gebieten schwere Zeiten durchzustehen hatte, wird deutlich durch schriftliche Krippenverbote, ausgesprochen vom Bischof, die ebenso zu sehen sind.
Die Aufhebung der Klöster 1806 unter Napoleon und der Verkauf vieler alter Stücke begünstigte die "Privatisierung" dieses Kulturgutes und seine Aufbewahrung als Familienerbe. Vielleicht verdankt auch die berühmte Herrenkramer'sche Krippe in Rottweil ihr Überleben dem Kunstsinn und der traditionellen Frömmigkeit eines Bürgers, der sie kaufte.
Von der barocken Theaterkrippe, die eine Guckkastenbühne en miniature darstellt, in der verschiedene Einschübe aus Pappe gezeigt werden können, bis zu einer Kastenkrippe aus der Mitte des 20. Jahrhunderts zum zeitweiligen Einschieben in das Wohnzimmerbüfett, sind alle Typen dieses Genres der (religiösen) Kunst zu sehen. Weihnachtskrippen, die einen meterlangen Prospekt haben, stehen ergreifenden Szenen mit manchmal nur drei Figuren gegenüber.
Dass auch die modernsten Ausprägungen der Krippenkunst zu sehen sind, vervollständigte diese ausgezeichnete Ausstellung, durch die Bernhard Rüth mit schier unerschöpflichem Detailwissen und geschickter Regie souverän führte.
Nach diesem so informativen Besuch im Kultur- und Museumszentrum Schloss Glatt, gab es im Schlosscafé Gelegenheit sich über all das Gesehene und Gehörte ohne Zeitdruck auszutauschen.


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Fast zu groß war die Gruppe, die sich für die  Krippenausstellung in Schloss Glatt begeistern
ließ.
Text:Weber, Foto: Weber

 

Meister von Messkirch

Seine Bilder sind weltbekannt, sein Name noch immer ein Rätsel. Das war für die Gesellschaft für Heimat- und Kulturgeschichte Grund genug, eine Ausfahrt zur großen Landesausstellung "Der Meister von Meßkirch- Katholische Pracht in der Reformationszeit" in der Neuen Staatsgalerie zu organisieren, und 27 Personen nahmen das Angebot wahr.
Da mit diesem Meister von Meßkich nicht nur ein Maler der Reformationszeit, sondern auch durch seine Verbindung mit den Herren, seit 1538 Grafen von Zimmern, auch zu Oberndorf eine  Brücke geschlagen werden kann, machten sich die Oberndorfer(Innen) unter Leitung von Judith Welsch-Körntgen und Reinhard Strübig wissbegierig auf den Weg durch die Staatsgalerie.

Die Führerin wies eingangs darauf hin, dass diese Ausstellung ein einzigartiges Ereignis sei, da viele Werke des Meisters von Meßkirch über die ganze Welt verstreut seien und hier zum großen Teil wieder  zusammengetragen werden konnten. 

Das Schaffen des Malers mit dem Notnamen sei auch deshalb erstaunlich, da es in eine Zeit falle, in der Bilder durch die neue Glaubensrichtung aus vielen Kirchen verbannt worden seien. Die Bildkunst in Kirchen sei auch eine Auseinandersetzung zwischen altgläubigen und neugläubigen Mäzenen. 

Wie sich diese darstellen kann, wurde an zwei berühmten Altären gezeigt.

Der "Gothaer Tafelaltar", ursprünglich von Heinrich Füllmaurer für Herzog Ulrich von Württemberg, der 1534 die Reformation in seinen Land einführte, geschaffen, jetzt in Schloss Friedenstein zu sehen, ist ein Werk, das auf 160 kleinformatigen Tafeln Szenen des Neuen Testaments, von der Taufe Christi bis zur Himmelfahrt, mit jeweils einem Text in Deutsch darstellt. Hier sind die Heiligen ohne den Heiligenschein dargestellt, Teufel in Form katholischer Priester. 

Ganz anders der vom Meister von Meßkirch für den altgläubigen Freiherrn Gottfried Werner von Zimmern und dessen Frau Appolonia von Henneberg geschaffenen Wildensteiner Altar. Den Mittelteil des Altaraufsatzes dominiert Maria das "apokalyptische Weib", die große Mutter. Sie steht auf dem Mond, darunter die Erde. Umgeben ist Maria von einem in Gold strahlenden Oval, der Mandorla, ihr Haupt umgeben von 12 Sternen. Eingerahmt wird die Mittlerin zwischen Himmel und Erde von den 14 Nothelfern. Auf den beiden klappbaren Seitentafeln stehen sich Gottfried Werner von Zimmern und Appolonia von Henneberg, die er 1511 erst nach einer abenteuerlichen Auseinandersetzung, einem Brautraub ähnlich, heiraten konnte, gegenüber, jeweils ausgewiesen durch ihr "redendes" Wappen. 

Einen Höhepunkt im Schaffen des Meisters von Meßkirch dürfte der ehemalige Hochaltar der Pfarrkirche St. Martin in der Namen gebenden Stadt darstellen, dessen Mitteltafel in der Ausstellung an herausgehobener Stelle zu sehen ist. Auch heute noch in St. Martin zu sehen. Die drei Könige, in überreiche Gewänder gehüllt, bringen dem Jesuskind ihre Gaben dar. Die Haltung der einzelnen Figuren zueinander ist meisterlich komponiert. Die Lebensalter trefflich charakterisiert; Balthasar, der Jüngste, der auch den jüngst entdeckten "klassischen" Kontinent darstellt, ein sympathischer junger Mann, doch von dunkler Hautfarbe. Eine kaum erwähnte Randfigur ist hier Josef, der auch im Bibeltext in der Anbetung der Weisen aus dem Morgenland nicht erwähnt wird. 

Weitere Höhepunkte der Ausstellung sind eine Geißelung Christi, aus einem Nebenaltar der Pfarrkirche St. Martin in Meßkirch und ein Bild, in dem Lucas Cranach sehr programmatisch die alte und neue Glaubenslehre gegenüberstellt. 

Gerade solche Bilder, so Judith Welsch-Körntgen, seien für die intellektuelle Oberschicht geschaffen worden; für die breite Masse des Volkes aber, seien die Grafiken und Flugschriften, von denen es hier auch eine Masse gibt, von größter Bedeutung gewesen, und hätten in der religiösen Auseinandersetzung eine wichtige Rolle gespielt.

Beide Gruppen waren von den Führungen um den rätselhaften Meister vom Meßkirch und seine Zeitgenossen, seien es Künstler oder Potentaten, begeistert. Eine Ausstellung für Intellekt und Kunstgenuss.

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Restlos begeistert waren die TeilnehmerInnen von der Ausstellung "Der Meister von Messkirch".

Text; Weber, Foto: Weber

 

Hauptversammlung 2018

Protokoll der Hauptversammlung der Gesellschaft für Heimat- und Kulturgeschichte Oberndorf 18.04.2018

 Die Gesellschaft für Heimat- und Kulturgeschichte Oberndorf hatte zu ihrer 28. Hauptversammlung geladen und 25 Personen folgten dieser Einladung in den Wintergarten des Gasthauses Wasserfall.
Der Erste Vorsitzende, Alwin Weber, begrüßte besonders Béatrice Delassalle-Wischert, die Leiterin der Oberndorfer Volkshochschule und Andreas Kussmann-Hochhalter, den Leiter der städtischen Museen und des Archivs.
In seinem kurzen Bericht über Veranstaltungen, die für ihn im Jahr 2017 besonders wichtig waren, stellte er die Vorträge von Carsten Kohlmann M.A. über Ansichtskarten und Hansjörg Hoeft über mechanische Rechengeräte besonders heraus, ehe er zum Jahresüberblick der Schriftführerin Ingrid Liedtke kam, den er auch vortrug.
Die Schriftführerin listete alle Unternehmungen des Vereins auf; zwei Punkte ergänzte der Vorsitzende.
Kassiererin Christine Weber gab einen Bericht über die Finanzlage der Gesellschaft für Heimat- und Kulturgeschichte; im Jahr 2017 entstand ein winziger Abmangel.
Kassenprüfer Hans-Otto Armbruster relativierte sofort diesen kleinen Minusbetrag, indem er Zinseinnahmen vergangener Jahre denen von 2017 gegenüberstellte. Der Kassenprüfer bestätigte Christine Weber eine einwandfreie, übersichtliche Kassenführung und beantragte die Entlastung der Kassenwartin, die mit einer Enthaltung erteilt wurde.
Unter Tagesordnungspunkt 3 meldeten sich Béatrice Delassalle-Wischert und Andreas Kussmann-Hochhalter zu Wort und dankten für die gute Zusammenarbeit; die Leiterin der Volkshochschule für die Kooperation bei wissenschaftlichen Ausfahrten, der Museumsleiter für die Bewirtung mit Kaffee und Kuchen durch die Gesellschaft bei verschiedenen Anlässen im Heimatmuseum. er beantragte die Entlastung des Gesamtvorstandes, die mit den jeweiligen Enthaltungen ohne Gegenstimme erteilt wurde.
Nun dankte Alwin Weber seinen Kolleginnen im Vorstand; besonders aber der bisherigen Schriftführerin Ingrid Liedtke, die seit der Hauptversammlung am 9. Mai 2000 dieses Amt inne hatte und es nun  aus gesundheitlichen Gründen niederlegen muss. Sichtlich bewegt nahm sie Blumen und ein kleines Geschenk durch den Vorsitzenden entgegen.
Für die anstehenden Wahlen schlug der Vorstand Reiner Altenburger, den Gründungsvorsitzenden des Vereins, als Wahlleiter vor. Die Versammlung stimmte diesem Vorschlag ohne Gegenstimme zu.
Da sich alle Amtsinhaberinnen und Amtsinhaber zur Wiederwahl stellten,  und niemand geheime Abstimmung einforderte, stand der neue Vorstand der Gesellschaft für Heimat- und Kulturgeschichte schnell fest: Es sind die seitherigen Amtsinhaber: Erster Vorsitzender: Alwin Weber; Stellvertretende Vorsitzende: Erika Altenburger; Kassiererin: Christine Weber; da das Amt der Schriftführerin (des Schriftführers) nicht neu besetzt werden konnte, wird der Erste Vorsitzende dieses Amt für ein Jahr kommissarisch mit übernehmen. Alle Gewählten nahmen die Wahl an.
Auch der gewählte Kassenprüfer Hans-Otto Armbruster nahm seine Wahl an.
Alwin Weber dankte für das Vertrauen und bedankte sich herzlich bei Wahlleiter Reiner Altenburger für die straffe Durchführung der Wahl.
Im nächsten Tagesordnungspunkt ging es um die Verabschiedung einer Satzungsänderung durch die Hauptversammlung, durch die in der Satzung alle bisher männlich bezeichneten Ämter nun im Sinne der Geschlechtsneutralität auch mit ihren weiblichen Entsprechungen aufgeführt werden.
Auch diesem Punkt wurde einstimmig statt gegeben.
Unter Punkt Verschiedenes kündigte Alwin Weber Vorhaben der nächsten Zukunft an: 21. April Gemeinsame Ausfahrt mit der Volkshochschule zur Etrusker-Ausstellung nach Karlsruhe.
Ausfahrt zum Kerner-Haus in Weinsberg am 16.06.
Historischer Spaziergang durch das "Dachau" Ende Mai, Anfang Juni.
Besuch des Hauptstaatsarchivs mit Führung Oktober / November.
Da keine Wortmeldungen vorlagen, konnte der neue alte Vorsitzende nach einer knappen Stunde den offiziellen Teil diese Hauptversammlung mit einem Dank an alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer schließen.

 

Ausfahrt zu Justinus Kerner in Weinsberg

 Das Glück war auf der Seite der 21 Interessierten, die an der Ausfahrt der Gesellschaft für Heimat- und Kulturgeschichte nach Weinsberg teilgenommen haben. Nicht nur dass es prächtiges Frühsommerwetter gab, sie kamen ohne Stau an ihr Ziel.
Alwin Weber, der Vorsitzende der Gesellschaft hatte sich gut vorbereitet, um im Bus einen Aspekt im Schaffen Justinus Kerners (1786 - 1862), die Romantik in der Literatur, näher zu umreißen.
Da im Tagesplan die für Staus eingeplante Zeit nicht in Anspruch genommen werden musste, konnte die Gruppe einen Abstecher nach Ellhofen machen, um dort die Kirche zum Heiligen Kreuz, Sankt Peter und Genovefa mit ihrem prächtigen Schnitzaltar aus der Zeit um 1505 anzuschauen.
In Weinsberg konnte die Stadt vom Parkplatz "Grasiger Hag leicht zu Fuß erschlossen werden. Das erste Ziel war die Johanneskirche, gebaut um 1200. Besonderheiten dieser Kirche sind der Stützenwechsel im Hauptschiff (Säule - Pfeiler) und der östlich angebaute, spätgotische, helle Chor.
Vorbei am Brunnen der die Sage der treuen Weiber von Weinsberg zum Thema hat, ging es nun zur Mittagspause.
Nach dieser Stärkung stand das eigentliche Ziel dieser Ausfahrt, die Besichtigung des Hauses des Naturwissenschaftlers, Arztes und Dichters Justinus Kerner auf dem Programm. Der Führer, Dr. Bernd Liebig, scheint alles über Justinus Kerner, seine Familie und seine Zeit zu wissen. Er meinte, für diese Gruppe würde er in 90 Minuten eine "Blitzführung" machen, also nur das Allerwichtigste erzählen können. Und schon in der Einleitung merkte man, dass dieser Kustos historische Zusammenhängen herzustellen vermag, denn er legte großen Wert, dass Kerner der württembergischen Ehrbarkeit entstammte und somit gewisse, wenn auch ungeschriebene, Privilegien mit auf den Lebensweg bekommen hat. So waren wie Dr. Liebig anführte, unter anderen die Familien Hauff, Mörike und Uhland mit der Familie Kerner verwandt. Sein Bruder Karl von Kerner, kurzzeitig königlicher Innenminister,  war der erste führende Beamte der Königlichen Gewehrfabrik in Oberndorf.
Der junge Justinus, der als Schüler nach Maulbronn kam, hatte dort durch die Bausubstanz Zugang zu mittelalterlicher Architektur und durch die großen Gärten zur Natur; diese beiden Elemente sollten ihn sein Leben lang prägen.
In seinem Freundeskreis romantischer Dichter lernte er bei der Feier von Ludwig Uhlands 20. Geburtstag seine künftige Frau Friederike Ehmann (1786 – 1854) aus Ruit kennen.
Nach manchen Umwegen konnte Kerner sein Studium der Medizin und Naturwissenschaften an der Tübinger Universität aufnehmen. Nach vier Jahren der Ausbildung promovierte er mit einer damals selbstverständlich in Latein geschriebenen Dissertation über die Bestandteile des Ohres.
Dem Naturwissenschaftler Kerner verdanken wir eine grundlegende Arbeit über  "Das Fettgift oder die Fettsäure und ihre Wirkung auf den 'tierischen Organismus' (mit dem alle belebte Materie verstanden wurde)" worin er die Wirkung der bakteriellen Lebensmittelvergiftung Botulismus untersuchte.
Dr. Liebig leitete daraus die Vorleibe der Schwaben für Wurstsalat oder Sauerbraten ab, da man durch die Überdeckung des "haut gout" durch Essig auch "gut abgehangenes" Fleisch noch genießen könne.
1000 Gäste in vierzig Jahren sollen bei Justinus Kerner zu Gast gewesen sein. Er hatte Kontakt zu allen Schichten; Graf Alexander von Württemberg war hier ebenso zu Gast wie ein durchreisender Handwerksbursche auf der Walz. Dichter, Naturforscher, Übersetzer gaben sich die Klinke in die Hand. Doch vor allem war Justinus Kerner Arzt. Sein wohl berühmtestes Werk "Die Seherin von Prevorst" beschreibt den "Somnambulismus" der Friederike Hauffe, geborene Wanner (1801 - 1829). Heute mögen die medizinischen Geräte lächerlich erscheinen und dennoch wurden hier Grundlagen der heutigen Psychologie und -therapie gelegt.
In unnachahmlicher Weise führte nun Dr. Liebig in die oberen Etagen der Kerner-Hauses, so dass man manchmal fast das Gefühl hatte, vom Hausherrn oder seiner Frau "Rickele" (Friederike) beobachtet zu sein.
Sohn Theobald, wie sein Vater Arzt und Schriftsteller, hat sich sehr engagiert um das Erbe seines Vaters gekümmert, so dass man im Kerner-Haus in Weinsberg einen Einblick in das Leben eines Naturwissenschaftler, Arztes und Dichters der Romantik gewinnen kann.
Nach einer gemütlichen Einkehr in einem "Besen", bei der natürlich Kerner-Wein gekostet wurde, ging es - wiederum ohne Stau - zurück nach Oberndorf.

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Bei strahelnder Sonne sammelte sich die Gruppe vor dem "Webertreu"-Denkmal.
Text und Foto: Alwin Weber

 

Rundgang durch das Dachau

 Die Gesellschaft für Heimat- und Kulturgeschichte Oberndorf hatte zu einem stadthistorischen Rundgang durch einen Teil der Neckarvorstadt, das Dachau, eingeladen und rund 35 Personen haben bei herrlichem Sommerwetter daran teilgenommen.
Der Vorsitzende des Vereins, Alwin Weber, begrüßte die vielen, die aus diesem Stadtteil stammen und wieder einmal ganz vertraute Luft schnuppern wollten, diejenigen, die dort wohnen und all jene, denen das Gebiet zwischen Rosenfelder Straße, Brühlstraße und Erlenstraße bisher unbekanntes Terrain war und stellte den Führer dieser Tour, Rudi Grimm, einen "Eingeborenen" vor.
Rudi Grimm hatte sich gut vorbereitet und führte mit einem historischen Rückblick in seine Tour ein. Im letzten Viertel des 19 Jahrhunderts seien schon die Boller Steige und die Rosenfelder Straße bebaut worden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sei hauptsächlich die Bebauung nördlich der Rosenfelder Straße erfolgt.   Er erklärte, dass das eigentliche Dachau aus einer Wohnraumbeschaffungsmaßnahme der Mauser-Werke in den Jahren 1915 - 1916 auf dem Gewann "Im Brühl" erwachsen sei und nicht das gesamte Gebiet, das heute mit dem Namen Dachau belegt wird, umfasst hat.
Östlich des Neckars war das Gebiet nahezu unbebaut; nur das "Charlottenheim", ein Wohnheim für ledige Arbeiterinnen der Mauser-Werke, neben dem "Augustaheim" in der Nähe des Bahnhofes, bestand dort. Dieser Komplex wurde bald in ein Lazarett verwandelt und bildete so die Keimzelle des heutigen Krankenhauses in Oberndorf.
Der Bau des zweiten Siedlungsabschnittes begann 1934 mit der Verlängerung der König-Wilhelm-Straße, heute Erlenstraße und der jetzigen Hölderlinstraße mit 33 zweistöckigen Wohnhäusern, die bis 1939 hochgezogen waren.
Rudi Grimm erinnerte an den Luftangriff vom 26. Februar 1945, bei dem eine Bombe in der Nähe des Krankenhauses einschlug.
Auf dem Rundgang wurde auf das "Jägerstüble" ebenso hingewiesen wie auf den Laden von Meister Rieder, in dem vielen Dachau-Bewohnern die Haare geschnitten wurden.
Ein Blick auf die ehemalige Gaststätte "Waldeck" ließ bei manchen Dachau-Kennern die Erinnerung an gute Küche lebendig werden.
Das einstige Lebensmittelgeschäft von Maria Gassner wurde nicht vergessen.
Beim Abbiegen in die Charlottenstraße war die für diese Siedlung und Zeit typische Architektur auffallend: Das erste Obergeschoss ist meist als steil aufragendes Krüppelwalmdach ausgeführt, um nicht mehr mauern zu müssen und dennoch wenig Platz in den Zimmergrößen zu verlieren. Hier erweckt die Anlage, besonders an einem so sonnigen Tag, den Eindruck einer Gartenstadt und nicht den einer Arbeitersiedlung.
Vorbei an den Ursprüngen des jetzigen SRH-Krankenhauses ging es auf kleinen Wegen, nochmals abseits der ohnehin schmalen Straßen, zur Brühlstraße, die nach Rudi Grimm das "obere" Ende der Siedlung war.
Am kleinen, ein bisschen verträumt anmutenden Spielplätzchen vorbei, wurde der Laden für Lederwaren Remshagen erwähnt, der als Sattler auch Glockenriemen für kleine und Große Narren anfertigte.
Das "Schnitzer-Bückele" brachte abenteuerliche Schlitten-Erlebnisse ins Gedächtnis zurück.
Viele, vor allem (ehemalige) Dachauerinnen erinnerten sich, dass dort in einem Haus der Leiter der Handelsschule Möller gewohnt hat.
Von hier aus konnte man die König-Wilhelm-Straße weit überblicken und bekam damit die Information, wo das "Negerviertel", so der nach dem Zweiten Weltkrieg geprägte  Ausdruck für das Wohngebiet am Ende dieser Straße, zu verorten ist.
In dieser Umgebung war der kleine Lebensmittelladen, den die Mutter Rudi Grimms betrieben hat. Der Dachau-Guide konnte sich gut erinnern, dass er und sein Bruder Paul am Sonntag Abend aus großen Kartons Nudeln in Tüten abwiegen mussten, damit ihre Mutter zu Wochenbeginn wieder verkaufsfertige Waren anbieten konnte.
Durch die Erlenstraße ging es weiter. Besonderes Augenmerk fand die "Villa Westinger", noch heute ein repräsentativer Bau.
In Richtung Süden gehend, Hausnummer 40, erklärte Rudi Grimm, ab hier sei eigentliches Dachaugebiet.
Auch auf das Weinhaus Beck wurde hingewiesen, hieß es doch bei den Kindern des Dachaus nur "Gutsle-Beck".
Eine kleine Stichstraße der nicht großen Silcherstraße mit einem quer stehenden Doppelhaus, auch heute noch eine Sackstraße, war der letzte Punkt dieser Tour, der für viele eine längst ersehnte Information brachte: hier, so der Dachau-Spezialist, war der "katholische Bahnhof", eine Mini-Gemeinschaft, die wohl ihrer Überzeugung wegen aus dem sonst sicher "rot" angehauchten Umfeld herausgestochen ist; hier wohnten neben anderen die Großeltern von Robert Gleichauf.
Am Schlusspunkt dieses Spazierganges durch vielfach unbekanntes Gebiet, am ehemaligen Café, das von Bäckermeister Hofer gegründet, von Konditor Metzger übernommen und zum  Café Bender wurde, seit vielen Jahren Café Melber hieß, dankte Alwin Weber dem Ur-Dachauer Rudi Grimm herzlich für diesen informativen, gut vorbereiteten Rundgang und lud zu einem Nachgespräch in ein Eiscafé in der Oberstadt ein.

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Text und Bild: Alwin Weber


Besuch im Hauptstaatsarchiv Stuttgart

 
18 Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnte Alwin Weber, der Vorsitzende der Gesellschaft für Heimat- und Kulturgeschichte, zu einem Besuch im Hauptstaatsarchiv in Stuttgart begrüßen.
Dr. Nicole Bickhoff, die Leiterin dieser Institution, hieß die Gruppe aus Oberndorf herzlich willkommen und stellte zunächst das Haus selbst, seine Aufgaben und seine Geschichte vor, um dann in einem Rundgang unter anderem den Lesesaal, die Restaurierungswerkstätten und das Magazin zu zeigen.
Das Hauptstaatsarchiv Stuttgart (HStAS) ist eine Teilabteilung des Landesarchivs Baden-Württemberg.
Was gibt es nun in diesem Archiv? Es sind "Unterlagen", die sich in Urkunden, Aktenschriftgut und Film- und Tonunterlagen gliedern; Damit, so Dr. Nicole Bickhoff, könnte man ein Regal von 26 Kilometer Länge füllen. Die älteste Urkunde ist 814, dem Todesjahr Karls des Großen verfasst, jüngste Dokumente sind aus der unmittelbaren Jetzt-Zeit.
Welches sind die Aufgaben? An erster Stelle steht die Überlieferungsbildung, denn das HStAS ist das "Gedächtnis des Landes". Ein Archiv dieser Dimension, so dessen Leiterin, bleibt zeitlich nicht stehen, sondern wird fortgeschrieben. Behörden müssen nach genau geregelten Zeitplänen Unterlagen zur Archivierung anbieten. Hier wiederum ist die Bewertung von Ausschlag gebender Bedeutung.
Neben der Überlieferungsbildung steht an zweiter Stelle die Bestandserhaltung. Artgerechte Verpackung und Lagerung, Schadensprävention und Restauration sind hier die wichtigsten Punkte. Zur Lagerung merkte die Archivarin an, in den Magazinen herrsche immer eine Luftfeuchtigkeit von 50 % und eine Temperatur von 18° C. Dies seien die besten Bedingungen, um Schädlingen das Leben schwer zu machen.
Neben den beiden genannten Punkten ist die Erschließung eine weitere Hauptaufgabe des Archivs, denn die Unterlagen, sollen genutzt werden. Um sich in einer so großen Zahl von Dokumenten zurechtzufinden, werden jeweils für Teilgebiete so genannte Findbücher angelegt.
Eine weitere Aufgabe des Hauptstaatsarchivs ist die Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit. So sind im Foyer immer wechselnde Ausstellungen zu den verschiedensten Themen (baden-) württembergischer Geschichte zu sehen.
Nach dieser Einführung wusste Dr. Nicole Bickhoff viel über die Geschichte des Archivs zu berichten. Schon 1482 wurde ein herzogliches "Auslesearchiv" gegründet. Durch die Jahrhunderte wurde die Entwicklung bis 1956, zum Jahr der Grundsteinlegung des heutigen Baus, verfolgt.
Nach dieser Einleitung schlossen sich Fragen vor allem in Bezug auf Sicherheit an, ehe sich die Gruppe auf den Rundgang durch das Haus machte.
Im Lesesaal, so die Leiterin, kann natürlich gearbeitet werden; nach thematischer Vorbestellung suchen Angestellt des Archivs die einschlägigen Dokumente heraus. Es kann nichts mit nach Hause genommen werden, wie normalerweise in einer Bibliothek. Hier werden Leseausweise erstellt oder Kopien angefertigt.
Nun ging es in den Untergrund zur Restaurierungswerkstatt, die halb wie chemisches Labor, halb wie moderne Buchbinderwerkstatt aussieht. Papierrestaurator Martin Ramsauer erzählt, er habe es bei der aktuellen Arbeit vor allem mit säuregeschädigten Papieren zu tun. Er erklärte, dass Hadernpapiere von dieser "Krankheit" nicht betroffen seien und führt dann ein bisschen in die Geschichte der Papierherstellung ein, deren Kenntnis für seine Arbeit von großer Wichtigkeit ist.
In Acrylharz eingegossen sind auf dem Arbeitstisch "Gemeine Nagekäfer", deren Larven als "Bücherwürmer" immensen Schaden anrichten können. Martin Ramsauer zeigte ein solch zernagtes Buch. Ein anderer, aber nicht weniger gefährlicher Bücherfeind ist der Tintenfraß, der durch den allgemeinen Gebrauch der Eisengallus-Tinte hervorgerufen wird. Ein Buch, das der Tintenfraß geschädigt hat, war ebenfalls in der Restaurierungswerkstatt zu sehen.
Wie man Papiere retten und wieder dem Gebrauch zuführen kann, zeigte der Restaurator ebenfalls. Es ist das "Anfasern", bei dem geschädigte Seiten in einen Holzfaserbrei gelegt werden und die neuen Holzfasern alte Fehlstellen schließen. Martin Ramsauer ist überzeugt, dass es ihm an Arbeit nie mangeln wird.
Weiter ging es über Treppen abwärts ins Magazin. Und hier hatte Dr. Nicole Bickhoff schon Schätze aus dem Findbuch Oberndorf am Neckar vorbereitet, so eine Urkunde von 1271, in der Rechte der Stadt Oberndorf erneut bestätigt werden. Aus dem Jahr 1342 konnte man eine Urkunde des Herzogs von Teck sehen, die sich auf Oberndorf bezog. Eine Kaiserurkunde, in der Kaiser Sigismund 1433 die Privilegien Rottweils anerkennt, mit großem Siegel versehen, war ebenso ausgesucht wie die Urkunde von 1495 in der Gottfried von Zimmern das Schloss Seedorf an Rottweil verkauft.
So lagen mehr als ein Dutzend Urkunden mit bedeutendem Inhalt im Original auf dem Tisch. Doch auch das Oberndorf des 20. Jahrhunderts fand Erwähnung: Auf einem Stadtplan aus den Jahren 1914 - 1918 waren die Einschlagstellen des Fliegerangriffs vom 19., 20. Juli 1918 höchst präzise eingetragen.
Weiter ging der Weg durch das Magazin, in dem nach wohl durchdachtem Plan Hunderte von "Amtsbüchern", also Dokumente einzelner Gemeinden aufbewahrt sind. Dass manche davon in schön geschriebene Blätter mit katholischen Kirchenliedern, nach der Einführung der Reformation 1534 als Ketzerei empfunden, gebunden waren, macht sie heute für die Forschung doppelt interessant.
Aus den Kellergeschossen wieder am "Tageslicht", dankte Alwin Weber Dr. Nicole Bickhoff für diese ausgezeichnete Führung, die vieler Vorbereitung bedurft hat, sehr herzlich.

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Dr. Nicole Bickhoff, Leiterin des Hauptstaatsarchivs, links vorne, verstand es prächtig, die Gruppe der Gesellschaft für
Heimat- und Kulturgeschichte durch das Haus zu führen.

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Papierrestaurator Martin Ramsauer zeigt hier ein Buch aus dem 18. Jahrhundert mit deutlichem Tintenfraß
Text und Bilder: Alwin Weber



Comics gar nicht komisch

 Hans-Joachim Hoeft stellt eine Kunstgattung vor

Oberndorf. Rund 20 Besucherinnen und Besucher kamen in den Vortragssaal 1 der Volkshochschule zum Vortragsabend von Hans-Joachim Hoeft zum Thema "Die Neunte Kunst - Eine Einführung in die Kunst des Comics", den die Gesellschaft für Heimat- und Kulturgeschichte" veranstaltet hat.
Der Vorsitzende der Gesellschaft, Alwin Weber, führte in das Thema ein, indem er kurz umriss, wie bei einem Großteil der Bevölkerung Comic aufgefasst wird. Allen voran setzte er Micky Maus, Asterix und den fetten, faulen und "filosofischen" Kater Garfield.
Alwin Weber meinte, dies sei genauso beschränkt, als wolle man Musik über die gängigen Schlager definieren, ohne die großen Musikschaffenden der Vergangenheit mit einzubeziehen.
Dies schien ganz im Sinne Hans-Joachim Hoefts zu sein, der seinen Vortrag mit einem kleinen Abriss der Geschichte der Kunstgattung Comic eröffnete.
Für ihn kann der "Teppich von Bayeux", eine Stickarbeit aus dem 11. Jahrhundert, die in Bild und Text auf 68 Metern in 58 Einzelszenen die dargestellte Eroberung Englands durch Wilhelm den Eroberer zeigt; als Beispiel für einen frühen Comic stehen. 
William Hogwart (1697 - 1764) schuf in seinen Stichen wie A Rake’s Progress („Lebenslauf eines Wüstlings") Comic-ähnliche Bildfolgen mit untergesetzten Texten.
Grundsätzlich meinte der Referent, ein Comic erzähle Geschichten, ein Cartoon stelle eine Einzelsituation dar.
Als ersten Künstler, der Comics im modernen Sinn zeichnete und textete, sei Rodolphe Toepffer (1799 - 1846) zu nennen, der beispielsweise eine abgeschlossene Handlung in vier Bilder zerlegt und Untertitel hinzufügt.
Nun ging Hans-Joachim Hoeft auf den wohl bekanntesten deutschen Comic-Schöpfer des 19. Jahrhunderts ein, auf Wilhelm Busch (1832 - 1908). Max und Moritz ist ein Comic, wenn auch noch ohne Sprechblasen.
Der erste Comic im modernen Sinn ist "The Yellow Kid" von Richard Outcault (1863 - 1928). In ihm sind jetzt auch Sprechblasen verwendet. Das leuchtend gelbe Nachthemd des Helden und ein Rechtsstreit über die Figur führten zum Ausdruck "Yellow Press" für Boulevardzeitungen.
Hier werden auch prägende Stilmittel wie die Größe der Buchstaben für Lautstärke ("Lettering") oder angesetzte oder gezackte Linien, die Geschwindigkeit oder besondere Spannung andeuten, ("Speedlines") eingesetzt.
Dass auch große Künstler wie Lyonel Feininger (1871 - 1956) sich der Gattung Comic widmeten, mag ihre Bedeutung unterstreichen. In "The Kin-der-Kids" thematisiert er die fiktiven Abenteuer dreier deutscher Auswandererkinder in den USA.
In den 70er-Jahren, so Hans-Joachim Hoeft, nehmen in den USA Underground-Comics die Themen Sex, Drogen und Gewalt auf und greifen auch den Staat an, indem sie unter anderem Kriegsverbrechen auf den Philippinen anprangern. Hier wurden Themen behandelt, die nicht komisch oder lustig sind.
In Frankreich entsteht der Comic-Roman, der mit Enki Bilal (* 1951) einen glänzenden Vertreter findet.
Nachdem der Referent eingeräumt hatte, in seiner Jugend auch "Sigurd" und "Akim" verschlungen zu haben, schilderte er, wie er (zusammen mit seiner Frau) zu seiner Leidenschaft für die Bildgeschichten kam. Heute wolle er über die künstlerische Seite des Comics sprechen.
Als Einstieg dazu hatte Hans-Joachim Hoeft eine gezeichnete Originalseite aus "Besame mucho" von Jacques Loustar und deren Umsetzung im Druck mitgebracht. Diese Seite wird in vier ungleich große"Panels", also Einzelflächen, aufgeteilt.Panel eins führt in die Situation ein; viele Personen sitzen in einem großen, etwas kahlen Zimmer.
Panel zwei zeigt nur einen Telefonapparat.
Panel drei: Pauline, die Hauptfigur hält den Hörer in der Hand. Der Text weist darauf hin, dass am anderen Ende nicht mehr gesprochen wird.
Panel vier zeigt Pauline mit einer Träne im Auge; sie scheint ratlos. Warum weint sie? Hier wird eine große Spannung erzeugt,
Im Bild drei ist offensichtlich eine Unstimmigkeit zwischen Bild und Text. Doch gerade daraus ergibt sich ein euer Aspekt.
Durch den Verzicht auf Sprechblasen entsteht ein Verzicht auf Dramatik - so der Vortragende, und die Einsamkeit des Einzelnen und die Unmöglichkeit sich mitzuteilen werden hervorgehoben.
Nach der Pause beschäftigte sich Hans-Joachim Hoeft vor allem mit dem Comic "Adeles ungewöhnliche Abenteuer" von Jacques Tardi (* 1946). Adele ist Privatdetektivin im Paris vor dem Ersten Weltkrieg. In diesem Roman passieren seltsame Dinge: Im Museum für Naturgeschichte bricht ein prähistorisches Ei auf und ein Flugsaurier entschlüpft; Adele wird nun von einer Gruppe Halbverrückter verfolgt. Den Grund kennt niemand.
Die Seite, wiederum eine Originalzeichnung und die Druckumsetzung, sind diesmal in sechs Panels aufgeteilt. Diese sind jeweils mit einem weißen Rand voneinander getrennt, um so eine zeitliche Distanz zu erzeugen.
Der Referent machte auf geniale Tricks aufmerksam, um das Geschehen zu verzögern: Die Gruppe der Bösewichte geht mit Adele auf ein Haus zu - Rückansicht. Das nächste Paneel zeigt dieselbe Gruppe von vorne; inhaltlich hat sich nichts geändert, aber Zeit verfließt. Auch ein Panel, welches das Aufhängen der Mäntel zeigt, ist eine Zeitbremse.
Auf dieser Seite ist eine ungeheuere Unruhe zu spüren. Das kann daran liegen, dass selbst das kleinste Panel bis ins Detail minuziös ausgearbeitet ist. Jedes, auch noch so kleine Bild ist ein Kunstwerk für sich.
Die Einzelseite, so Hans-Joachim Hoeft, steht für das Gesamtwerk und ist ein Mikrokosmos für eine Welt, in die Unvorhergesehenes bricht, bei Jacques Tardi ist es für eine lange Schaffensperiode der Erste Weltkrieg.
Dieser Vortrag, der die Kunst des Comics messerscharf analysierte und dennoch in jedem Moment die Liebe zu diesem Sujet aufblitzen ließ, war für alle Anwesenden eine Anregung, künftig Comics noch bewusster zu genießen.

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Hans-Joachim Hoeft führte in die Kunst des Comics ein

Text und Bild: Alwin Weber

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

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